Wie die Digitalisierung gerade auf dem Land für mehr Lebensqualität sorgen kann, erzählt Friederike Kroitzsch im folgenden Interview:

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Website/Blog, wichtigste drei Social-Media-Profile)

Friederike Kroitzsch, Limbach, am vermeintlichen Ende der Welt.

Was motiviert Dich dazu, an der Interviewreihe teilzunehmen?

Ich denke oft darüber nach, ob ich digital in dem Ausmaß überhaupt unterwegs wäre, wenn ich noch in einer Stadt leben würde. Oder ob es etwas mit meinem Leben am vermeintlichen Ende der Welt zu tun hat. Und wenn Frau Schwindt in Sachen Internet sagt, ich solle dieses oder jenes machen, dann mache ich das, ist doch klar. 😉

Wie digital ist Dein Leben derzeit und wie hat es sich dahin entwickelt?

Mein Leben ist schon ganz schön digital. Beruflich sowieso. Ich arbeite, tief in der Provinz, als rasende Reporterin für eines der modernsten Funkhäuser Europas, da wird man zur Digitalisierung quasi gezwungen und auch noch dafür bezahlt. Dabei komme ich noch aus alten analogen Zeiten, so richtig mit ollem braunen Tonbandsalat und einer scharfen Klinge, mit der die Töne in Stücke geschnitten wurden. Von stundenlangen Recherchen in verstaubten Akten und Archiven ganz zu schweigen.

Privat hatte ich mit der Digitalisierung wenig im Sinn. Mit meinem Umzug aufs Land hat sich das radikal verändert. Ich wohne in einem Dorf mit 360 Einwohnern, umgeben von Feldern und Wald, und manchmal fühle ich mich (als gebürtige und langjährige Berlinerin) wie ein Marsmensch hier , wie eine Außerirdische, staunend und be-staunt und fremd, immernoch und immer wieder. Das Internet ermöglicht mir den Austausch mit Menschen, die ich hier nicht so leicht treffe, mit Menschen, die ähnliche Gedanken und Fragen haben wie ich, einen ähnlichen Humor vielleicht. Ich glaube, mein Landleben wäre manchmal ziemlich einsam, wenn der digitale Austausch nicht wäre. Und der hat immerhin auch schon zu einigen sehr guten offline-Bekanntschaften geführt.

Was findest Du besonders interessant und spannend an der Digitalisierung?

Dazu noch ein aktuelles Beispiel aus meiner Provinz: Ich lebe in einem Landkreis, der riesengroß, ziemlich inhomogen und von unsichtbaren, aber immernoch spürbaren Altkreis-Grenzen zerschnitten ist. Überall betreuen Ehrenamtliche in den Dörfern und Städtchen derzeit Flüchtlinge, aber keiner weiß vom anderen, und jeder meint, das Flüchtlingshilfe-Rad neu erfinden zu müssen. Also habe ich via Facebook ein Netzwerk gegründet, eine digitale Plattform zum Erfahrungs-Austausch, für Spendenaufrufe und –angebote usw. Die Seite füllt eine echte Lücke und läuft (für hiesige Verhältnisse)  wie das berühmte Lottchen, wir haben u.a. neben Möbeln, Kleidung und Erfahrungen schon mehrere Wohnungen und sogar Jobs für Flüchtlinge vermittelt. Und das allerbeste: ich kann das alles via Smartphone machen, mit ein paar Klicks, ob im Wald oder vom heimischen Sofa aus oder auch mal zwischen zwei Berufsterminen. Das ist doch genial: Vernetzung kinderleicht gemacht.

Was findest Du bedenklich am Umgang mit der Digitalisierung?

Dass im Netz mitunter alle Hemmungen verloren gehen und der blanke Hass regiert, das macht mir Angst. Die Leute halten das Internet offenbar für einen rechtsfreien Raum, immernoch. Ein Raum für alle, die keine Kinderstube haben, ist es mancherorts wohl wirklich. Und wenn alle das Netz so nutzten wie ich – zuallererst tatsächlich als Ersatz für Offline-Austausch und –kontakte, nee, das wäre schade.

Was glaubst Du, wie sich die Digitalisierung weiter entwickeln wird?

Puh, keine Ahnung, Ich denke aber, wenn so Analog-Vergangenheits-Grufties wie ich erstmal ausgestorben sind, diese Übergangs-Generation also, dann wird niemand mehr solche Fragen stellen. Alles wird ganz einfach digital sein, fertig.

Können diejenigen mit dem Thema Digitalisierung versöhnt werden, die sich von ihr bedroht fühlen?

Bedroht fühlen sich doch jene, die sich nicht aktiv mit der Digitalisierung auseinandersetzen, oder? Man kann sie vielleicht heranführen. Siehe unten.

Wie kann man die Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema Digitalisierung aktiv auseinander zu setzen?

Ranführen, siehe oben. Ich berichte inzwischen gerne von meinen zahlreichen Ausflügen in die digitale Welt, auch denen, die da selten und nur widerwillig unterwegs sind. Und auch und besonders denen in meinem weiteren Bekannten- und Familienkreis, die 65plus sind und meinen, „das muss ich nicht mehr lernen“. Das geht gar nicht. Mein Altersheim werde ich eines Tages auch nach dem Kriterium „wlan-Anschluss hopp oder topp“ aussuchen. Und bis dahin gibt’s das sicher selbst im Odenwald, garantiert.

Gibt es noch etwas, das Du schon immer zum Thema Digitalisierung sagen wolltest?

Nein, ich bin ja selber zu meiner Privat-Digitalisierung eher wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, oder frei nach Goethe: halb zog es ihn, halb sank er hin. Und es gibt immernoch genug, was ich bis heute nicht verstehe. (Twitter oder pinterest – wofür um alles in der Welt braucht man das? Vielleicht bin ich auch nur zu blöd.) Allenfalls das: Leute, nutzt die Chancen! Rückgängig machen können wir das alles eh nie mehr. Und legt ab und zu das smartphone aus der Hand. Guckt Euch in die Augen und redet miteinander.

Ach so, und noch was: Odenwälder Dorf am Ende der Welt, 360 Einwohner und (Achtung) 50.000er Internetleitung. Noch Fragen?

Herzlichen Dank fürs Mitmachen, liebe Friederike! 🙂

Wer diese Fragen ebenfalls beantworten, oder einen Gastbeitrag dazu verfassen möchte, wie die Digitalisierung unser Leben verbessern kann, findet alle nötigen Infos dazu unter http://www.unserleben.digital/mitmachen.

Alle bereits erschienenen Interviews findet Ihr unter http://www.unserleben.digital/thema/interviews/.


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