Mit unserer heutigen Interviewpartnerin habe ich im vergangenen Jahr Studenten bei einem digitalen Kommunikationsprojekt begleitet. Hier erzählt sie von ihren neuesten Forschungen und davon, warum sie sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen kann:

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Website/Blog, wichtigste drei Social-Media-Profile)

Mein Name ist Sabine Kirchhoff und ich bin Professorin an der Hochschule Osnabrück für Presse- und Medienarbeit mit dem Schwerpunkt Online-Medien. Weiteres unter @s_kirchho oder https://www.campus-lingen.hs-osnabrueck.de/prof-sabine-kirchhoff.html

Was motiviert Dich dazu, an dieser Interviewreihe teilzunehmen?

Ich mache mit, weil ich Annette und Thomas schätze. Beide teilen nicht nur online bereitwillig ihr Wissen, ohne zu schauen, was sie persönlich davon haben.

Wie digital ist Dein Leben derzeit und wie hat es sich dahin entwickelt?

Wie digital ist mein Leben? Das ist eine sehr schwierige Frage. Wo fängt die Digitalisierung an? Ich gestehe, mir geht es wie vielen vielen anderen Smartphone-Nutzern. Ich kann mir ein Leben ohne mein Smartphone nicht mehr vorstellen. Schließlich enthält es meine Musik, meine (Hör-)Bücher, meine Laufrouten, mein Adressbuch, meine Lieblingsrezepte, erste Ideenskizzen für neue Projekte und und und…

Was findest Du besonders interessant und spannend an der Digitalisierung?

Die Digitalisierung bestimmt zu einem großen Teil mein (berufliches) Leben. Nein, nicht das Smartphone. Gemeinsam mit acht Kolleginnen und Kollegen der Hochschule Osnabrück habe ich gerade einen Binnenforschungsschwerpunkt eingeworben, mit dem sperrigen Titel: Potentials of Ambient Communication Environments – Wertschöpfung durch interaktive Technologien (PACE). Ich weiß, das klingt ein bisschen sperrig. Ist aber super spannend. Wir betreten damit das  Thema „Internet der Dinge“. Wir – das sind sowohl Professoren aus dem Bereich Kommunikation, aber auch aus der Informatik und dem Interaction Design. Die Kombination aus diesen Fächern sorgt dafür, dass wir nicht nur Kommunikationsprobleme identifizieren, die in Organisationen der Geschäftsführung wie den Mitarbeitenden unter den Nägel brennen, sondern diese auch lösen können, indem wir eigene technische Lösungen entwickeln.

Die vielen Möglichkeiten und Kanäle zu kommunizieren, haben nämlich nicht unbedingt dazu geführt, dass Kommunikation einfacher wird. Für Unternehmen ist es zum Teil sogar schwieriger geworden, ihre Mitarbeiterschaft zu erreichen. Mit dem Ergebnis, dass die Mitarbeiter sich manchmal abgehängt fühlen oder wie es ein Student in seiner Bachelor-Arbeit ausdrückte, dass einige Mitarbeiter sich wie das letzte Glied in der Kette fühlen. Wir sehen uns deshalb in dem Binnenforschungsprojekt PACE verschiedene Probleme der Organisationskommunikation an, sprechen gleichermaßen mit Mitarbeitern und Führungskräften, entwickeln dann gemeinsam mit den Menschen, die das Problem angeht, Lösungen.

Ich glaube, gerade in den interdisziplinären Themen steckt viel Potential. Die Digitalisierung bietet uns die Möglichkeit, neue Wege zu gehen und mit den Menschen auf sie zugeschnittene Kommunikationslösungen zu entwickeln. Ich weiß, das klingt alles sehr abstrakt.

Lasst mich unser Vorhaben, an einem kleinen Beispiel illustrieren. Ich erhalte – wie alle Führungskräfte im Grunde viel zu viele Mails. Verzichten könnte ich vor allem auf Mails, die mein Postfach füllen, ohne dass die Information für mich wichtig ist. So lehre ich in Lingen, einem Außenstandort der Hochschule Osnabrück, bin aber nicht jeden Tag in Lingen vor Ort. Donnerstags zum Beispiel treffe ich mich mit meinen Forschungskollegen in Osnabrück, um unsere Forschung voranzutreiben. Dennoch erhalte ich auch donnerstags Informationen vom Facility-Management, die mein Lingener Büro betreffen und die für mich in diesem Moment völlig nutzlos sind. Wenn das Facility-Management wichtige Informationen hätte und sicherstellen wollte, dass diese Infos mich erreichen, wäre es viel sinnvoller, mir die Informationen nicht über E-Mail zu schicken, sondern z.B. immer dann an die Hauswand des Lingener Gebäudes zu werfen, wenn ich die Gebäudeschwelle überschreite.  Diese Lösung technisch zu realisieren, wäre für unsere Informatiker und Interaction Designer eine Kleinigkeit.

Natürlich sind die Probleme, die wir lösen wollen, komplexer, aber im Prinzip nicht großartig anders. Mit den Stadtwerken Osnabrück suchen wir zum Beispiel nach Möglichkeiten, die Busfahrerinnen und Busfahrer effektiver über das Baustellenmanagement in der Stadt zu informieren. Sie sind nämlich schwer zu erreichen. So haben sie keinen festen Arbeitsplatz und dürfen aus Sicherheitsgründen während der Arbeit keine Smartphones benutzen.

Was findest Du bedenklich am Umgang mit der Digitalisierung?

Bedenklich finde ich, die Datensammelwut einiger großer Unternehmen. Ich befürchte, dass Unternehmen – vor allem Versicherer und Banken – irgendwann Informationen „einkaufen“, um  auf dieser Datenbasis ein Urteil über Menschen zu  fällen – ohne die Betroffenen vorher noch zu fragen. Dann werden Tarife individualisiert, was zur Folge haben kann, dass sie für viele Menschen teuer werden. Hier sehe ich Geschäftsmodelle, die zu Lasten der Nutzer gehen. Dem müsste meiner Meinung nach der Gesetzgeber ein Riegel vorschieben.

Was glaubst Du, wie sich die Digitalisierung weiter entwickeln wird?

Ich bin davon überzeugt, dass wir viele Lösungen finden, die die Menschen unterstützen und bei denen auch der Datenschutz eine angemessene Rolle spielt. Hier sehe ich im Grunde für Europa eine große Chance. So könnten sich europäische Unternehmen gegenüber US-Giganten positionieren und im Wettbewerb Vorteile verschaffen. Das Safe-Harbor-Urteil zeigt bereits heute, dass das Thema Datenschutz bedeutsamer wird.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ganz schöne Materialien entwickelt, an denen man sich über Tracking und vieles mehr informieren kann. Meiner Meinung nach müsste man aber insgesamt nach Lösungen streben, die den Nutzer weitgehend schützen, ohne dass er sich andauernd über alle möglichen Entwicklungen auf dem Laufenden halten muss. Im Grunde müssten „sichere“ Devices und Apps angeboten werden. Hier gibt es noch viel zu tun. Ich kann mir aber wie auch beim Datenschutz vorstellen, dass Unternehmen, die solche Produkte in Zukunft anbieten, Wettbewerbsvorteile haben können.

Gibt es noch etwas, das Du schon immer zum Thema Digitalisierung sagen wolltest?

Ja, es gibt noch etwas, was ich zur Digitalisierung sagen möchte. Mich stören die vielen Mythen, die mit der Digitalisierung verbreitet werden. So z.B. der von Prensky geschürte Myhtos von den „Digital Natives“, die es gar nicht gibt, die aber in den Unternehmen dafür sorgen, dass man falsche Erwartungen an die Medienkompetenz der jungen Menschen hat. Ich würde mir hier mehr Augenmaß und Sachverstand wünschen.

Herzlichen Dank für Deine Antworten, liebe Sabine! 🙂

Wer unser Interview ebenfalls beantworten, oder einen Fastartike dazu schreiben möchte, wie die Digitalisierung das Leben verbessern kann, findet alle nötigen Infos dazu unter http://www.unserleben.digital/mitmachen.

Alle bereits erschienenen Interviews findet Ihr unter
http://www.unserleben.digital/thema/interviews/.


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