Mit Wilfried Roggendorf und Prof. Sabine Kirchhoff, die hier ja auch schon zu Wort kam, durfte ich im Winter 2014 ein Studentenprojekt an der Hochschule Osnabrück betreuen. Dabei lernten wir die Unterschiede in der Sichtweise dieser digital natives gegenüber der erst später Digitalisierten wie uns kennen. Als Wilfried von unserleben.digital hörte, hat er sich gleich mit seinen Antworten zu unseren Interviewfragen gemeldet:

Bitte stelle Dich kurz vor…

Wilfried Roggendorf – hinter dem Namen verbirgt sich ein bewegtes Leben: Abi, Tischlerlehre, etliche Jahre Bundeswehr, einige Jahre Arbeitslosigkeit (unterbrochen von Nebenjobs) und schließlich mit 41 ein Studium Kommunikationsmanagement, das mich zu meinem heutigen Beruf gebracht hat: Seit 2008 arbeite ich als Pauschalist in der Redaktion der Lingener Tagespost, einer Lokalausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung. Ich bin unter meinem richtigen Namen auf Facebook unterwegs und unter @wroglingen auch bei Twitter aktiv.

Was motiviert Dich dazu, an der Interviewreihe teilzunehmen?

Ich finde die Fragen spannend und habe zugleich ein gespanntes Verhältnis zur Digitalisierung.

Wie digital ist Dein Leben derzeit und wie hat es sich dahin entwickelt?

Dieses Internet, was sich ja nie durchsetzen wird 🙂 , habe ich Ende der 1990-er Jahre erstmals kennengelernt und genutzt. Danach blieb es bis auf den E-Mail-Verkehr ruhig. Erst mit dem Beginn meines Studiums 2006 kamen Dinge wie soziale Netzwerke dazu. (Kennt eigentlich noch jemand studi.vz oder icq als Messenger-Dienst? Das waren, es ist nur wenige Jahre her, die meist angesagten Netzwerke, ohne die nichts lief.) Twitter und Facebook kamen quasi beruflich hinzu, weil unsere Zeitung dort ebenfalls unterwegs ist. Mobil digital unterwegs bin ich erst seit zweieinhalb Jahren. Vorher hatte ich kein Smartphone, sondern ein Handy (so ein Gerät, mit dem man telefonieren und 160 Zeichen lange SMS verschicken konnte 🙂 .)

Was findest Du besonders interessant und spannend an der Digitalisierung?

Spontane Kontakte, beruflich die Möglichkeit, sofort Informationen zu erhalten. Insofern könnte ich darauf nicht mehr verzichten.

Was findest Du bedenklich am Umgang mit der Digitalisierung?

Die Entwicklung der Digitalisierung überfordert derzeit die Menschen. Sie geht so rasend schnell, dass meine Generation (ich bin Jahrgang 1965) zwar technisch mitkommt, aber gedanklich nicht mehr. Dies gilt aber auch vor allem für die sogenannten „digital natives“: Derzeit ist bei diesen angesagt jede App, egal welchen Zugriff sie auf die im Smartphone gespeicherten Daten hat, herunterzuladen. Dabei ist es egal, ob die App Zugriff auf meine Kontakte, meine Fotos, meinen Standort und was noch alles mehr hat. Orwells „1984“ ist doch längst überholt. Nicht der Staat überwacht uns auf Schritt und Tritt (womit ich in einer funktionierenden Demokratie wie der unseren noch halbwegs leben könnte.), sondern Konzerne wie Google und Facebook. Als digitalisierter Mensch kann man sich dem kaum entziehen.

Aber es gibt auch einen zweiten Aspekt, den ich bei der Digitalisierung für sehr bedenklich halte: Digitalisierung steht auch für Anonymität und falsche Freiheit: Damit meine ich nicht nur die zahlreichen unsäglichen Beiträge in sogenannten sozialen Netzwerken. („Der Verfasser dieses Artikels ist ein dreckiger Hurensohn“, hat neulich jemand auf Facebook einen dort verlinkten Zeitungsartikel von mir kommentiert – ob er mir dies auch direkt geschrieben oder ins Gesicht gesagt hätte?) Ich meine auch die Anonymität der Kontrolle und Überwachung: Niemand weiß wirklich, wer wann wozu seine Daten verwendet.

Letztendlich sehe ich im in dieser sich überschlagenden Welt der Digitalisierung einen Verlust der eigenen Freiheit: Es ist nicht nur die Kontrolle, die andere über Daten haben. Es ist wie eine Sucht, ständig erreichbar zu sein, rund um die Uhr sehen zu müssen, was gerade passiert. Das Leben wird davon bestimmt, wie digital wir unterwegs sind. (Sonst würde ich garantiert nicht spontan auf die per Facebook indirekt gestellte Frage nach einem Beitrag zu dieser Interviewreihe reagieren :).)

Was glaubst Du, wie sich die Digitalisierung weiter entwickelt?

Ihr Lauf ist unaufhaltsam. Er wird aber langsamer werden – und dies aus einem Grund: Die Menschen werden die Gefahren der Digitalisierung erkennen, aber gleichzeitig deren Vorteile nutzen wollen. Sie werden klare gesellschaftliche Regelungen dafür fordern, die von der Politik umgesetzt werden müssen. Dies wird dauern. Und die Politik wird sich ändern müssen: Nationale Interessen hinken einer weltweiten Digitalisierung meilenweit hinterher. Noch wird die Digitalisierung in einzelnen Staaten (miss)braucht, um nationale Interessen zu vertreten. Das World Wide Web wird langfristig (Da denke ich nicht an 20 oder 50 Jahre – aber an die deutsche Wiedervereinigung hat ja auch keiner geglaubt.) eine einheitliche Welt schaffen. Unter wessen Regie die stehen wird, ist eine spannende Frage…

Können diejenigen mit dem Thema Digitalisierung versöhnt werden, die sich von ihr bedroht fühlen?

„Mitgefangen, mitgehangen“ – bevor kritische Geister wirklich versöhnt werden mit der Digitalisierung, wird in meiner Heimatstadt Lingen noch eine Menge Wasser die Ems hinunterfließen. Diejenigen, die sich von der Digitalisierung bedroht fühlen, werden durch ihre  Kritik sehr viel dazu beitragen, dass sich ein den Menschen gerechter Umgang damit entwickelt. Sie selbst mit der Digitalisierung zu versöhnen, wird nicht gelingen. Mit der Digitalisierung zu leben und das Beste daraus zu machen, bleibt künftigen Generationen vorbehalten – wir stehen doch erst am Anfang …

Wie kann man Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema Digitalisierung aktiv auseinander zu setzen?

Gegenfrage: Muss man überhaupt jemanden dazu bringen? Niemand kann sich heute der Digitalisierung entziehen. Auch wenn es jetzt brutal klingt: Die Oma, die seit Jahren darauf wartet, das der Gasmann kommt, um den Zähler abzulesen (Obwohl dieser Zählerstand längst digital erfasst wird.), wird es in einigen Jahren nicht mehr geben. Alle Jüngeren merken selber, wie sie von der Digitalisierung betroffen sind. Es ist doch die Entscheidung jedes Einzelnen, die Digitalisierung einfach hinzunehmen, oder sich aktiv an ihrer Entwicklung zu beteiligen. Und auf die Gefahr hin, dass es paradox klingt: Die Digitalisierung müsste die Menschen noch mehr in ihrer Freiheit einschränken, sie so sehr in Anspruch nehmen, dass sie merken, welche Auswirkungen sie hat. Dann würden sie aktiv.

Gibt es noch etwas, das Du schon immer zum Thema Digitalisierung sagen wolltest?

Ich glaube, dass Digitalisierung langfristig unsere Welt grundlegend verändern wird. Im Moment mögen Konzerne, Staaten und andere Gruppen die digitalisierte Welt ausnutzen, um ihre ganz eigenen Interessen zu vertreten. Am Ende werden Toleranz und Menschlichkeit siegen – auch wenn wir das (wahrscheinlich) nicht mehr erleben werden…

Herzlichen Dank fürs Mitmachen, lieber Wilfried! 🙂

Wer unser Interview ebenfalls beantworten, oder einen Gastartikel darüber schreiben möchte, wie die Digitalisierung unser Leben verbessern kann, findet alle nötigen Infos dazu unter http://www.unserleben.digital/mitmachen.

Alle bereits erschienenen Interviews findet Ihr unter
http://www.unserleben.digital/thema/interviews.


Wir freuen uns, wenn Ihr unsere Beiträge weitersagt: