Manchmal ist es gut, die Perspektive zu wechseln. Als ich unserem heutigen Interviewpartner – den ich bislang nur digital kenne – schrieb, dass ich ein querformatiges Bild von ihm benötige, musste er von seinem üblichen (schon älteren) Profilbild abweichen und siehe da: Ich entdeckte einen völlig neuen Thomas Pleil. 😉 Was er privat und beruflich mit der Digitalisierung zu tun hat, erzählt er im folgenden Interview:

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Website/Blog, wichtigste drei Social-Media-Profile)

Thomas Pleil, Darmstadt. Blog: Das Textdepot, Twitter, Medium und Instagram: @tp_da.

Was motiviert Dich dazu, an der Interviewreihe teilzunehmen?

Vordergründig: Die liebe Annette hat mich gefragt 🙂 Aber ich mache vor allem mit, weil ich spannend finde, wie andere digital leben und ich gern einen kleinen Einblick in meinen Umgang mit dem Netz gebe, zumal sich mein Berufsleben fast vollständig darum dreht. Im Gesamtbild dokumentiert ein solches Projekt sehr schön einen kleinen Ausschnitt unserer Zeit im Netz.

Wie digital ist Dein Leben derzeit und wie hat es sich dahin entwickelt?

Mich begleitet das Netz fast ständig – im Beruf, aber auch privat. Während meiner Dissertation Mitte der Neunziger Jahre begann für mich die eigentliche Nutzung des Internet: Es eröffnete mir einen viel besseren Zugang zu internationaler Literatur, und über Mailinglisten hatte man das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein, vor allem wenn es um fachliche Diskussionen in PR und Journalismus ging.

Der nächste Sprung in meiner Beschäftigung mit dem Netz kam dann, als ich die Kommunikation einer kleinen Universität verantwortete. Damals, es war ca. 1998, war die Webpräsenz wild gewuchert. Als Kommunikationsmensch fand ich das etwas gruselig: Es fehlte jede gestalterische Gemeinsamkeit, die Pflege der Websites war mal gut, mal ein einmaliges Ereignis, andere hatten gar keine Lust auf diese komische Selbstdarstellung. Durch einen Zufall hatte ich einen Absolventen der Uni kennengelernt, der sich selbständig gemacht hatte: als Berater und Entwickler – und zwar rund um das Open Source CMS Zope. Ich glaube, wir waren unter den ersten Unis in Deutschland, die einige Monate später einen einheitlichen Web-Auftritt hatten, und dann noch auf Open Source Basis.

Begeistert hat mich vor allem die Möglichkeit, ganz schnell etwas veröffentlichen zu können. Als um die Jahrtausendwende die bayerische Landesregierung den Unis mit heftigen Einsparungen drohte und es eine Menge Proteste gab, habe ich jeden Tag dazu geschrieben. Über die Medienberichterstattung, über Demos, Forderungen der Hochschulen etc. Später ist mir klar geworden, dass ich eigentlich für mich das Bloggen entdeckt habe – und das sogar auf einer offiziellen Uni-Website mit Zustimmung des Präsidiums.

Heute steht das Netz ganz im Mittelpunkt meiner Arbeit: Seit 2004 bin als Professor an der Hochschule Darmstadt – mein Hauptthema ist die Online-PR; vor zwei Jahren ist der von mir konzipierte Studiengang Onlinekommunikation gestartet. Mit unserem Institut haben wir drei Jahre ein paar hundert Unternehmen bei der Onlinekommunikation unterstützt, künftig beschäftigen wir uns mit Fragen der Kommunikation rund um Industrie 4.0 – oder besser: Die Digitalisierung der Wirtschaft. Das Schöne ist für mich: Surfen, Forschen, Lehren gehören für mich eng zusammen. Und: Über das Netz und die Leute, die dort Informationen teilen und diskutieren, habe ich unglaublich viel gelernt und tue das jeden Tag. Und ich habe Spaß dabei – seit es Instagram gibt übrigens auch wieder am Fotografieren.

Was findest Du besonders interessant und spannend an der Digitalisierung?

All das, das die Netzbegeisterten als Möglichkeit sehen: Die Idee der freien Verbreitung von Information; Austausch, der Wissen schaffen kann, gemeinsame Aktionen, wie sie in der Open Source-Bewegung oder im Crowdfunding stattfinden, die Liste ließe sich verlängern – wäre da nicht die andere Seite…

Was findest Du bedenklich am Umgang mit der Digitalisierung?

Leider kann man auch hier eine lange Liste erstellen – beginnend mit dem wie ich meine noch immer unzureichenden Verständnis der Digitalisierung, etwa in weiten Bereichen der Politik. Besonders stört mich, wie Digitalisierung von manchen als Vorwand zur Aushöhlung von Grundrechten genommen wird, gerade aktuell tun Staaten, die sich als freiheitliche Demokratien verstehen, eine Menge dafür, um ihre Bürger mit Hilfe ihrer digitalen Spuren dauerhaft zu kontrollieren. Ich bin mir sicher, dass der Verlust der Freiheit von Millionen Bürgern viel schwerer wiegt als das bisschen Gewinn an Aufklärung oder Sicherheit – wenn es die denn überhaupt gibt.

Aber ich finde auch erschreckend, wie wenig viele Bürger über die Digitalisierung wissen, und wie manche Außenseiter es schaffen, zu schrill klingenden Lautsprechern zu werden, die zum Teil dafür sorgen, dass andere lieber schweigen.

Auch die Walled Gardens, die gegenüber dem offenen Netz immer mehr Raum einnehmen sehe ich kritisch.

Insgesamt würde ich mir eine intensive Diskussion in der Gesellschaft wünschen, wo wir hin möchten mit der Digitalisierung, welche Werte uns wichtig sind – in allen Bereichen, der Wirtschaft, der Bildung, der Politik. Die Digitalisierung kann an vielen Grundfesten rütteln – dies umso mehr, je eher wir die Dinge einfach laufen lassen. Ein Beispiel: Big Data kann in bestimmten Zusammenhängen absolut segensreich sein, nehmen wir etwa die Medizin – in anderen Fällen können die Datenberge uns auch eine Menge Probleme machen, etwa, wenn nur noch individuelle Situationen betrachtet werden und Solidarität verloren geht – ich denke da beispielsweise an Krankenversicherungen.

Was glaubst Du, wie sich die Digitalisierung weiter entwickeln wird?

Schwer zu sagen. Es ist klar, dass immer mehr Lebens- und Arbeitsbereiche betroffen sein werden. Ich bin mir sicher, dass es viele positive Entwicklungen geben wird. Auf der anderen Seite werden Berufe verschwinden, wir alle müssen mit laufend neuen Herausforderungen umgehen, müssen auch lernen, mit einem Zuviel an Informationen umzugehen etc. Sagen wir es so: Entwickelt wird immer weiter – wir müssen darauf achten, dass die Tekkies und Geldgeber nicht einfach allein die Richtung bestimmen.

Können diejenigen mit dem Thema Digitalisierung versöhnt werden, die sich von ihr bedroht fühlen?

Kommt drauf an: Ich erinnere mich daran, wie es war, als die Tageszeitungen ihre Setzer, dann ihre Lektoren und andere entlassen haben, weil sie nicht mehr benötigt wurden. Wie soll man Menschen, die ihre Existenzgrundlage verlieren, mit der Konkurrenz versöhnen? Das finde ich schon schwer. Diejenigen, die undefinierte Ängste haben, kann man besser erreichen. Vielleicht wäre eine neue Volkshochschulbewegung ein kleiner Schritt dorthin?

Wie kann man die Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema Digitalisierung aktiv auseinander zu setzen?

Ich bin kein Psychologe – aber ich vermute, es ist am einfachsten, wenn man zeigen kann, dass das, was jemanden sowieso interessiert, durch Digitalisierung verändert wird. Entweder, weil es besser oder spannender wird – oder auch, weil das Gegenteil droht, was auch eine Auseinandersetzung notwendig macht.

Gibt es noch etwas, das Du schon immer zum Thema Digitalisierung sagen wolltest?

Ohne sie wären Annette und ich kaum in Kontakt gekommen, gäbe es also diese Zeilen nicht. 🙂

 

… und das wäre schade! Vielen Dank, Thomas! :-)

Wer unsere Interviewfragen ebenfalls beantworten, oder einen Gastartikel darüber schreiben möchte, wie die Digitalisierung sein Leben verbessert, findet alle nötigen Infos dazu unter http://www.unserleben.digital/mitmachen.

Alle bereits erschienenen Interviews können nachgelesen werden unter
http://www.unserleben.digital/thema/interviews.


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