Heute meldet sich jemand über unseren Fragebogen zu Wort, der ein großer Fan, der Digitalisierung ist, jedoch zu einem reflektierten Umgang mit dem Neuen mahnt. Sie selbst praktiziert dies sowohl privat als auch beruflich, ja unterscheidet diese Bereiche gar nicht mehr wirklich. Aber überlassen wir ihr selbst das Wort:

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Website/Blog, wichtigste drei Social-Media-Profile)

Christiane Brandes-Visbeck aus Hamburg, im Netz unter www.ahoi-consulting.de zu finden.

Meine wichtigsten Social Media Profile sind

Was motiviert Dich dazu, an der Interviewreihe teilzunehmen?

Ich gehöre zu den digital immigrants, habe als Journalistin noch mit Schreibmaschine, Nachrichtenticker und Faxgerät gearbeitet. 1992 habe ich meine erste TV-Sendung geleitet. Die wurde digital geschnitten und ein Vorreiter für neue Sehgewohnheiten: Bunter, schneller, auf den Punkt. Seitdem hat die weiter fortschreitende Digitalisierung mein Leben und unser aller Kommunikationsgewohnheiten massiv verändert. Wie wir mit diesen Veränderungen klar kommen, mit ihnen umgehen und sie auch steuern können, ist mein Lebensthema geworden. Deshalb freue ich mich sehr, dass ihr diese Reihe angeschoben habt.

Wie digital ist Dein Leben derzeit und wie hat es sich dahin entwickelt?

Ein Leben ohne Smartphone und Laptop ist für mich unvorstellbar. Ich arbeite mit unzählichen Collaboration Tools – jeder Kunde bzw. jedes Projekt scheint etwas anders zu nutzen. Ich liebe Social Media und einfache Fotobearbeitungstools, mag aber nicht so gern Snapchat, weil es mir zu flüchtig ist und zu sehr ins Private geht. Ich war noch nie der Typ, der jeden heißen Shyce mitgemacht hat. Neue Kanäle, Devices und Trends interessieren mich, wenn sie unser Arbeiten und unsere Kommunikation nachhaltig verändern, wenn die neuen Möglichkeiten mein Denken anregen.

Deshalb bin ich auch so ein Twitter-Fan geworden. In meiner Filterblase sind viele kluge Menschen unterwegs, die – wie ich – die Veränderungen der Digitalisierung reflektieren. Ich finde super spannend herauszufinden, was das Digitale aus mir und meinen Mitmenschen macht, wie unterschiedlich unsere digitale „readiness“ ist, und wir wir dennoch auch generationsübergreifend mit diesen Tools kommunizieren können.

Was findest Du besonders interessant und spannend an der Digitalisierung?

Wie sie alles verändert. Vieles, was ich gelernt habe, wird obsolet. Auf einmal tragen Chefs keine Krawatten mehr, duzen jeden und führen Vertrauensarbeit ein, weil sie sich an die Zeit anpassen müssen, um weiterhin erfolgreich zu sein. Auf einmal werden Meinungen von Minderheiten, die in der Gesellschaft immer da waren, durch Social Media verstärkt und bekommen so an Gewicht, dass sie breite Teile der Bevölkerung verängstigen. Auf einmal werden wir praktisch gezwungen, unsere Lebensweise zu überdenken und eine Haltung zu entwickeln.

Wir spüren gerade, wie uns unsere Gesellschaft mit ihren staatlichen Einrichtungen, die nicht gut vernetzt sind und Informationen nicht schnell und unkompliziert austauschen können, kaum noch vor Gefahren schützen kann. Und wir lernen, wie schwer es vielen Menschen fällt, selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu leben und zu arbeiten.

Für mich persönlich ist es bereichernd, von Menschen mit anderen Lebensentwürfen zu erfahren, was sie erleben, denken und fühlen, und von ihnen zu lernen. Die Digitalisierung ist für mich ein Tool, das unser Leben diversifiziert und damit zum Besseren, aber auch zum Schlechteren verändern kann. Es liegt an uns, was wir daraus machen.

Was findest Du bedenklich am Umgang mit der Digitalisierung?

Für mich ist es wichtig, dass Menschen wissen, was sie tun. Wenn sich jemand durch seine Social-Media-Nutzung schadet, sollte er oder sie das zumindest nicht aus Versehen tun. Auf der anderen Seite mag ich es auch nicht, wenn andere Rezepte für den Umgang mit der Digitalisierung suchen, ohne darüber nachzudenken, ob das, was bei anderen funktioniert, für sie das Richtige ist. Jeder Mensch, jedes Unternehmen ist anders, hat seine individuelle DNA. Diese Erkenntnis sollte man in seine Digitalstrategie miteinbeziehen.

Wie bei jeder Veränderung brauchen wir auch für das Digitale neue Regeln. Aber eben NEUE Regeln. Sie sollten auf den selben Werten wie sonst beruhen, aber die Prozesse und Kriterien, mit denen geprüft wird, ob wir das „Richtige“ tun, sollten angepasst werden. Und weil so viele Menschen Angst davor haben, etwas falsch zu machen, und in den Schulen Digitalisierung nicht auf dem Lehrplan steht, fürchte ich, dass viele Menschen auch weiterhin die Digitalisierung ablehnen werden, weil sie sie nicht beherrschen und nicht zum eigenen Vorteil einsetzen können.

Was glaubst Du, wie sich die Digitalisierung weiter entwickeln wird?

Es geht in Richtung Hypervernetzung und noch mehr Automatisierung. Alle fortschrittlichen Unternehmen, die ich kenne, vernetzen sich weit über den Verkauf ihrer Produkte und Dienstleitungen hinaus. Sie bilden Communities, die auf gleichen Werten, ähnlichen Interessen oder Bedürfnissen basieren. Die Automatisierung ist dabei eine Voraussetzung, die diese große Vernetzung erst möglich und bezahlbar macht.

Jetzt kommen Fragen auf wie: Wovon sollen Menschen leben, die keine Arbeit mehr finden? Wie wird unsere soziale Absicherung weiterhin gewährleistet sein? Was wird uns herausfordern und zu guten Leistungen anstreben, wenn unsere Arbeit nicht mehr gebraucht wird? Antworten auf diese und ähnliche Fragen werden wir früher oder später entwickeln müssen.

Können diejenigen mit dem Thema Digitalisierung versöhnt werden, die sich von ihr bedroht fühlen?

Unbedingt. Ich bin ein glühender Fan der Digitalisierung und stecke viele Menschen damit an. Aber ich muss ihnen auch ihre Ängste nehmen können. Sie fragen ja zu recht: Was ist, wenn wir, das, was sie ermöglicht, nicht mehr beherrschen? Was ist, wenn immer mehr Menschen uns virtuell mit unseren Daten erpressen oder sie einfach klauen? Was ist, wenn die Haltung, die man heute vertritt, in unserer morgigen Gesellschaft nicht mehr akzeptabel ist? Es gibt viele gesellschaftspolitische und moralische Aspekte, die einem schon Angst machen können. Da bleibt mir nur, die Augen offen zu halten und nicht in Panik zu verfallen. Ich vertraue auf das Gute im Menschen, sein Bestreben, Gutes zu tun, anderen gefallen zu wollen und vielleicht sogar besser zu sein als sie. 

Garantien gibt es nirgendwo im Leben.

Wie kann man die Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema Digitalisierung aktiv auseinander zu setzen?

Vorleben. Herausbekommen, wie ihr persönlicher Zugang zur Digitalisierung aussehen könnte. Zeigen, dass mit digitalen Tools manches im Leben leichter ist und auch erfolgreicher bewerkstelligt werden kann. Dass sie neue Kontakte knüpfen können und ihren Horizont erweitern. Bei all dem sollte man Geduld haben. Nicht drängeln. Kleine Fortschritte anerkennen. Zum Weitermachen motivieren. Menschen brauchen Zeit, wenn sie sich verändern wollen/müssen/sollen.

Gibt es noch etwas, das Du schon immer zum Thema Digitalisierung sagen wolltest?

Mein persönliches Herzensthema heisst „Digital Leadership“. Unter dem Stichwort frage ich mich und andere, wie wir Menschen uns selbst und andere führen müssten, um den digitalen Wandel zu gestalten und zu nutzen. Ich lerne bei meiner Arbeit zu diesem Thema jeden Tag etwas dazu. Immer, wenn ich denke: Jetzt haben wir eine finale Antwort gefunden, kommt ein neuer Aspekt auf, der meine schöne Theorie wieder zunichte macht. Es gibt keine universell richtige Antwort darauf, wie man richtig führt und wie die digitalen Transformation funktioniert. Aber es gibt eine, die aktuell am Besten passt, die Erfolge bringt und mit den jeweiligen Werten vereinbar ist. Beim Finden dieser Antwort spielt für mich auch die Lebensgeschichte eines Menschen oder eines Unternehmens eine sehr große Rolle. Wo wir her kommen, bestimmt auch unser Sein und unser zukünftiges Streben. Du bist, was du glaubst.

Deshalb lohnt es sich in meinen Augen für jeden, sich über die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf unser menschliches (Zusammen-)Leben Gedanken zu machen, die Perspektive zu wechseln und von der Zukunft her zu denken, wie wir leben wollen. Ich verstehe unter Leadership übrigens nicht, nur Menschen zu führen und Prozesse zu gestalten, sondern auch sich selbst zu führen. Beim Digital Leadership kommen wir an philosophischen Fragestellungen zu Sinn, Erfolg, Gemeinschaft und Glück nicht vorbei.

Vielen Dank für Deine Antworten, Christiane!

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